Die noch nicht beendete Fortsetzung von „22765“ heißt:
„2“
mit dem Untertitel:
„Wertschöpfung“
Je nach (auch wirtschaftlichem) Erfolg, darf ich dieses zweite Buch veröffentlichen. Hier nun der Anfang:
Der Schadensfall
Der Regen nervte. Nicht allzu stark, aber trotzdem so viel, dass seine Arbeitskleidung fühlbar feucht wurde. Leichte feine Tropfen, die man kaum als Regen wahrnehmen konnte. Er hatte die Wahl zwischen öffentlichen Verkehrsmitteln und einem Rad. Die „Öffentlichen“ waren laut, voll mit Vieren und teuer. Der Lärm veranlasste Holger Eichler das Rad zu nehmen. Vor den Vieren hatte er keine Angst. Seine Gesundheit war robust und seitdem er nicht mehr rauchte, so schien es, wehrte er alle Angreifer wie ein Eisbrecher das Eis, ab. Geld hatte er auch genug. Seitdem er den Job von Robin Voss bekommen hatte, konnte er nicht so viel ausgeben, wie er verdiente. Obwohl er die Zinsen für sein zweites Haus begleichen musste. Auch in sein erstes Haus, indem sie noch wohnten, musste er einiges investieren. Der Keller war feucht, es musste von außen isoliert werden. Außerdem wollte er dreifach verglaste Fenster einbauen – oder vielmehr einbauen lassen, da er nun andere Tätigkeiten erledigen musste und zeitlich nicht mehr als Tischler dazu kam. Das war ein seltsames Gefühl. Nicht nur, dass er bei „Kunstruktiv.de“ der Chef war, der Macher, der Organisator und Alleinherrscher, weil Robin sich fast vollständig zurückgezogen hatte. Nein, er war auch der kreative Kopf geworden, der immer noch neue Möbelstücke entwarf und sie über diese Website anbot.
Doch einmal die Woche musste er sich in der „First English Bank“ am Jungfernstieg in Hamburg sehen lassen. Sitzung, Palaver, Managerjob. Insgeheim war er darauf sogar etwas stolz. Auch wenn ein altes Sprichwort sagt:“ Dummheit und Stolz, ist aus demselben Holz“. Aber diesen Stolz zeigte er niemanden. Er nutzte seine Stellung nicht als Angeber - und sein Geld auch nicht. Deshalb fuhr er mit seiner Arbeitskleidung zur Managersitzung. Und erstaunlicher Weise wurde er dort so geschätzt und seine Meinung war immer gefragt. Noch ein Grund mehr auf dummen Stolz.
Kunstruktiv machte guten Umsatz. Und was noch viel wichtiger war: Diese Website machte auch guten Gewinn. Mehr als er je als Tischler hätte verdienen können. Sogar weit mehr als ein Tischlermeister, der er auch war. Dann kam noch sein Managergehalt dazu. Das machte nochmal das doppelte des Gewinns von Kunstuktiv aus. Ihm war klar, dass er dies alles Robin Voss verdankte. Er hatte Robins Website übernommen, verkaufte auch die anderen Kunstgegenstände und besorgte Nachschub. Robin hatte ihm versichert, dass er ihn lieber so arbeiten ließ. Ausgenommen, wenn es zu irgendwelchen Aktivitäten, mit oder im Konsortium, kam. Dann begleitete er Robin sonst wohin. Letzte Woche waren sie wieder in Kassel gewesen. Dort lief alles prächtig, dank Fabians Kommando. Auch Stefan Zimmer als Anwalt, war ein Zugewinn. Mehrmals hatte er eingreifen müssen und, mit Informationen aus Hamburg, guten Erfolg gehabt.
Während er so grübelte, fuhr er nicht allzu schnell mit dem alten Rad von Altona-Nord zum Jungfernstieg. Die „Werkstatt“, wie er das ehemalige Fotostudio nannte, lag nördlich von Robins Wohnung. Deshalb nahm er auch die Langenfelder Straße und fuhr nicht auf der Stresemannstraße, denn diese war ätzend laut und stank nach Abgasen. Dabei verfiel er wieder in seine Überlegungen. Genau, was war eigentlich mit Ralf Haufe geschehen? Eigentlich hätte dieser Typ ins Gefängnis gehört. Immerhin wurde Robin und er von Haufes Mördern entführt und gefangen gehalten. Nur mit Glück, Robins Charme und handwerklichem Können, waren sie entkommen. Er erinnerte sich schemenhaft daran, dass Claus Gödecke irgendwie seine Finger im Spiel hatte und Haufe im Schach hielt. Aber wie und warum Haufe keine Strafe bekam, wusste er nicht.
Am Ende der Langenfelder Straße überquerte er den Ring 2 und bog am Alsenplatz in die Eimsbüttler Straße ein. Vom weiten sah er Blaulicht und rote Fahrzeuge. An der linken Seite stieg Qualm auf. Der Nieselregen hatte ausgesetzt, als wenn er das Feuer am Laufen halten wollte. Flammen sah Holger aus dieser Entfernung nicht. Aber es stank nach verbranntem Kunststoff. Langsam rollte er weiter in Richtung Einsatzstelle. Nun war er nur noch fünfzig Meter entfernt und erkannte einen Leiterwagen. DL genannt, also Drehleiter, wie er von Robin wusste, der schließlich vor 1000 Jahren selbst Berufsfeuerwehrmann war.
Schläuche lagen auf dem Asphalt, verliefen von einem Löschfahrzeug zur Drehleiter, die in einem Korb am oberen Ende des Leiterparks zwei Feuerwehrleute trug. Die hielten ein Strahlrohr in den Händen und löschten die Fassade des Hauses direkt neben ihnen.
Wieso brannte die Wand eines Hauses? Eine Hauswand war doch aus Beton oder Mauersteinen, Putz, vielleicht noch aus Kalksandstein.
Holger sah sich die Brandstelle genauer an. Unten im Vorgarten sah er einen nassen Müllcontainer, der umgekippt auf dem Rasen lag. Der war schwarz und verkohlt. Vermutlich war dort das Feuer ausgebrochen. Vielleicht eine Kippe die noch glühte, hatte den Müll entfacht. Der Container gehörte eigentlich an seinen Platz direkt an der Hauswand. Und genau dort war die Hausfassade beschädigt und genauso schwarz verfärbt wie der Müllcontainer. Hausverkleidungen und Außenwandisolierungen waren früher nicht sein Geschäft. Eigentlich hatte er oft Tresen ge- und eingebaut. Tresen in Arztpraxen, in Partyräumen und tatsächlich auch in Kneipen. Dazu kamen Einbauschränke, manche mit gewissen speziellen Raffinessen wie Tresore oder Geheimfächer. Natürlich hatte er auch auf dem Bau gearbeitet. Meisten Fenster und Türen eingebaut. Das war häufig eine harte Schlepperei, wenn der Aufzug in einem Neubau noch nicht funktionierte und diese neuen superschweren Fenster per Hand nach oben geschleppt werden mussten. Da verging schnell das romantische Gefühl von Kreativität im Tischlerjob. Aber er hatte schon von Außenisolierungen gehört, die tatsächlich brannten. Die eigentliche Isolation bestand aus Styropor, oder besser gesagt aus Polystyrol. Und dieses Zeug brannte wie Zunder, weil es aus Erdöl hergestellt wurde. Natürlich war das ein Problem an einem Haus. Insbesondere, wenn sich dort Menschen aufhielten. Wie bei den meisten Gebäuden üblich. Deshalb wurde dieser gut brennbare Stoff auch mit einer recht stabilen Schicht aus unbrennbarem Material ummantelt. So wurde es dann auch getestet und von schlauen Leuten letztendlich zur Außendämmung freigegeben. Leider nützt das überhaupt nichts, wenn die äußere Schutzschicht beschädigt wird. Zum Beispiel von Fahrradlenkern oder harten Müllcontainern. Und wenn dann in einem Müllcontainer ein Feuer ausbricht, was schließlich nicht selten passierte, dies wusste er auch von Robin, dann konnte die Fassade brennen. Also so wie hier jetzt gerade.
Holger war sich sicher, dass dies der Grund für diese Brandstelle war. Mit noch etwas mehr dummen Stolz fuhr er weiter Richtung Innenstadt und kam noch rechtzeitig bei der „First English“ an.
Leichtfüßig lief er die Treppe in diesem noblen Gebäude herauf, traf unterwegs niemanden an, und öffnete die Tür vom Büro.
Er blickte in den Raum, in das Büro und sah Rob vor einem Tisch stehen, auf dem Papiere ausgebreitet lagen. Ihm gegenüber stand Hinnerk, der genauso vertieft in dieses Chaos von Papieren war.
Rob stützte sich auf seinen rechten Arm und sortierte einige Papiere mit seiner linken Hand. Unter seiner alten schwarzen Jeans konnte man gut die durchtrainierten Beine sehen. Seine Unterarme waren muskulös, fast schon übertrainiert. Der Rücken, unter dem karierten Baumwollhemd, war keilförmig, wie bei einem Gewichtheber. Trotzdem bewegt er sich unglaublich geschmeidig, als stamme er von Leoparden ab. Alles aber sehr fließend und natürlich. Die gelockten brünetten Haare waren vielleicht etwas zu lang, sodass sie die Ohren etwas verdeckten. Das Gesicht war eben, mit einer leichten Segelbräune, die, wie Holger wusste nicht vom Solarium kam, sondern von dem Aufenthalt an der Luft. Die Nase war gerade, aber nicht spitz und seine Augen, grünblaugrau, etwas zu groß. Ein Anblick, dem viele Frauen Aufmerksamkeit schenkten – ohne dass Rob es jemals bemerkt hätte.
Ich war vertieft in dieses dumme Papier, was mir Hinnerk zugereicht hatte. Dabei musste ich mich auf den Tisch stützen, da ich mir einen leichten Hexenschuss geholt hatte, nachdem ich gestern gejoggt war, ohne mich anschließend sofort zu duschen. So stand ich einige Zeit am offenen Fenster meiner Küche und trank ein Bier, was schon so mehr als dämlich war. Ein leichter kühler Windzug erfasste mich – besonders meinen Rücken, als ich mich bückte um die dritte Flasche Bier aus dem Kasten zu ziehen. Kaltes Hemd, kalter nasser Rücken, falsche Bewegung beim Bierziehen. Die Strafe erfolgte sogleich. Erst kam ich kaum wieder hoch, musste mich erstarrt drehen um nicht noch mehr Scherzen zu erzeugen, um den Küchenstuhl zu erreichen. Dort ließ ich mich vorsichtig nieder, direkt neben der neuen Rumflasche auf dem Küchentisch, die mir Hinnerk geschenkt hatte. Kein Rumverschnitt, kein Feuerwasser, was mit Cola verdünnt werden muss. Ein Edel Rum, sanft, leichter Geschmack nach Vanille, aus der Karibik, der die Kehle streichelt. Das war mein zweites dämliches Ereignis. Meine Überlegung war: Zu drei Flaschen Bier passt besser kein Schmerzmittel. Aber zu Bier passt gut Schnaps, also Alkohol, der doch auch die Schmerzen betäubt. Bei entsprechender Menge natürlich. Aber die Menge stand vor mir auf dem Tisch, gut erreichbar und genauso gut schmeckend.
Deshalb hatte ich jetzt einen Kater, der mich kaum richtig stehen ließ. Den Rest erledigte der Hexenschuss, der kaum geringer schmerzte als gestern Abend. Zum Glück hatte mich Hinnerk mit seinem Bentley abgeholt, denn mit dem Rad hatte ich noch arge Probleme.
Also klammerte ich mich mit der rechten Hand an der Tischkante fest, machte nur starre Bewegungen, die meine Hüfte nicht drehten und versuchte den Inhalt des Papiers zu verstehen, als ich einen Luftzug spürte, der mich erschauern ließ, da er mich an gestern Abend erinnerte.